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Wenn Politiker rauchen: Was so alles ans Licht kommt

Griaß eich, i bins, da Schoasch, euer Rathauspförtner.

I sitz am Eingang. Freundlich. Wer reinkommt, kriegt a Grüß Gott. Wer rausgeht, a pfiat eich. Wer mi übersieht, wird erst recht gegrüßt.

Draußen stehen zwei aus dem engsten Umfeld vom OB. Also aus der Gegend, wo ma ned fragt, ob sie anklopfen müssen. Zigarette in der Hand, Stimme halblaut. Genau laut genug, dass i schuldlos mithören muss. I kann ja schlecht jedes Mal, wenn Politik raucht, meine Ohren in den Spind legen.

Der eine sagt: „Hat doch gepasst, oder?“ Der andere: „Ja schon. Aber des mit der Deneke-Stoll ned.“ Pause. „Ja mei. Kollateralschaden.“ I schau neutral auf meinen Bildschirm. Aber i denk mir: Kollateralschaden. Wenn beim Bürger was schiefgeht, heißt es Fehler. Wenn oben was schiefgeht, klingt’s nach Strategie. Unten bist schuld. Oben bist Teil der Lage.

Dann geht’s weiter. „Wer hätte gedacht, dass der Hofmann die mit einer Stimme schlägt?“ – „Ich nicht. Und der Boss auch nicht.“ Wieder Pause. „Den Hofmann hamma jedenfalls ausm Spiel kriegt.“ – „Mit dem Wöhrl muss man leben.“ – „Kann man leben.“ I denk mir: Kann man leben. Im Rathaus is des fast Applaus. Lauwarmer Leberkäs, aber ohne Bauchweh. Wenn des alles Zufall war, hat der Zufall inzwischen a Büro. Mit Durchwahl und Diensthandy.

Dann sagt der eine: „Ganz geheim halten konnte man ja nicht alles.“ Der andere: „Ja mei, die Medien halt.“ Pause. „Nicht alle.“ – „Stimmt.“ Da spitz i innerlich die Ohren. Nicht alle. Des is so a Satz, der mehr sagt, als er sagen will. Vielleicht is in Ingolstadt manchmal gar ned des Spannendste, was berichtet wird. Sondern des, worüber ned berichtet wird. Wer fragt nach? Wer schaut weg? Was bleibt klein, obwohl’s groß riecht? Und was wird groß gemacht, damit anderes klein bleibt? Manchmal is Schweigen koa Lücke. Manchmal is Schweigen Service.

Dann kommt der nächste Satz von draußen. „Blöd, dass man die Aufwandsentschädigungen der Stadträte offenlegen musste. Und die Bürgermeistergehälter.“ – „Ging nicht anders. Sonst hätten wir’s nicht gemacht.“ I denk mir: Aha. Transparenz also erst, wenn’s gar nimmer anders geht. Vorher: Offenheit, Verantwortung, neue politische Kultur. Nachher: schauen, was ma vermeiden kann. Und i frag mi, wo diese Verantwortung wohnt: im Sitzungssaal, im Hinterzimmer oder liegt sie irgendwo ohne Namensschild?

Der zweite tritt Asche ab. „Nur gut, dass die Geschäftsordnungskommissionen nicht öffentlich waren.“ Der andere lacht kurz. „Wenn die Leut des alles mitbekommen hätten, hättest ned den Rathausplatz gebraucht, sondern den Volksfestplatz.“ I seh lauter Leut mit Steuerbescheid in der Hand auf dem Volksfestplatz. Wegen Geschäftsordnung bringst normal koane Massen auf die Straße. Aber wenn’s um Regeln, Zulagen, Ausschüsse und Posten geht, während draußen Bescheide teurer werden, steht die Bürgerschaft schneller am Platz, als drinnen einer „interne Vorberatung“ sagen kann.

Transparenz is im Rathaus wie Brandschutzübung: Man macht’s, weil’s sein muss, und hofft aufs schnelle Ende. Wenn Bürger mehr zahlen sollen, heißt es Solidarität. Wenn Politik bei sich selber sparen soll, wird erst geprüft, ob ma’s ned vermeiden kann. In einer Stadt ohne genehmigten Haushalt kostet jedes Hinterzimmer doppelt: Geld vielleicht. Vertrauen sicher.

Jetzt red i nicht mehr von den zwei Rauchern. Jetzt red i davon, was ma drinnen und unten so mitkriegt. Wenn’s um Bürgermeister, Gremien und des eigene Geld geht, tät i manchen Damen und Herren von dem Stadtrat gern a Kantinenessen spendieren. Ned wegen dem Essen, was sehr gut ist. Wegen dem Zuhören. Die Mitarbeiter halten den Laden am Laufen, fangen Anrufe ab, schlucken Ärger. Und oben wird sortiert, wer was kriegt, welche Zulage bleibt und wie viel Öffentlichkeit sich nimmer vermeiden lässt. Des macht was mit der Motivation. Da brauchst koa Gutachten. A Tablett mit Kartoffelsalat reicht.

Manchmal denk i an den Wolfgang Grupp von Trigema. Der hat oft erzählt, dass er als Unternehmer persönlich hafte. Wenn der Mist baut, hängen Name, Geld und Verantwortung dran. Im Stadtrat kann a Entscheidung Millionen kosten, und am Ende heißt es: politische Fehlentscheidung. Dumm gelaufen. Nächster Punkt. Da sitzen wieder welche, die mitbeschlossen ham, was die Stadt heute drückt. Steuergeld mit vollen Händen raus, jetzt erklären’s, die Kasse sei leer. I bin kein Finanzreferent. Aber so viel versteh i: Ingolstadt hat ned nur a Einnahmenproblem. Ingolstadt hatte lang a Ausgabenproblem. Des Loch is ned vom Himmel gefallen. Des is mit Vorlagen gebaut worden.

Auf Facebook hat ma den Ärger gelesen: dritter Bürgermeister, sein Geld, neues Umweltreferat als mögliche Alimentierung, zehn Prozent Eigenkürzung im Stadtrat. Einige Stadtratsmitglieder tun des gern ab: Nische, Echokammer, Grantler. Dann sollen’s zum Bäcker, Metzger, Friseur oder ins Vereinsheim. Da sagen die Leute: „Beim nächsten Mal räumt die AfD ab, wenn des so weitergeht.“ Des bleibt hängen. Nicht, weil alle plötzlich radikal wären. Sondern weil sie sauer sind. Weil sie spüren: Erst kommt des Rathaus, dann die Stadt. Erst Ämter, dann Argumente. Erst Paket, dann Predigt. Freilich is es demokratisch, wenn gezählt wird. Aber Demokratie lebt aa davon, dass die Leut glauben können, dass vorher ned längst gemischt war.

Mei, ham die bei der Stadtratswahl Glück ghabt, dass bei den Blauen keine schillernde Figur kandidiert hat, die den Rest vor sich hertreibt. Sonst wär des vielleicht böser ausgegangen. Und a Umfrage „Wenn am Sonntag Kommunalwahl wär“ tät i grad ned bestellen. Da müsstest danach wahrscheinlich ned nur den Haushalt konsolidieren, sondern aa die Gesichtszüge.

Neulich beim Pförtner-Stammtisch: schwarz, rot, grün, orange, gelblich. Nur blau war keiner. Trotzdem einig: So was hamma nach einer Kommunalwahl in Ingolstadt no ned erlebt. Einer, lang dabei, bei der Stadt gelernt, kurz vor der Rente, schaut ins Bier und sagt nix. Wenn so einer sprachlos is, stimmt der Fluchtplan nimmer.

Einer am Tisch sagt: „Stell dir vor, die AfD hätt irgendwann die Mehrheit und tät so arbeiten. Nichtöffentlich vorbereiten, Posten schieben, Gegner wegdrücken, selber profitieren und alles als Moral verkaufen.“ Kurz Ruhe. Jeder wusste: Dann stünden die anderen Parteien sieben Tage am Rathausplatz. Kerzen, Plakate, Reden, Resolutionen. Angriff auf die politische Kultur. Gefahr für die Demokratie. Machtmissbrauch. Hinterzimmer. Und jetzt? Jetzt heißt es Verantwortung. I sag ned, dass alles gleich is. Um Gottes willen. Aber mit Moral braucht mir nach so einer Nummer keiner von dene mehr daherkommen. Moral is koa Serviette, die ma sich auf den Schoß legt, wenn der eigene Teller voll is.

Dann wieder zurück zu den Rauchern. Da klingelt beim einen das Handy. Er dreht sich weg. Ned weit genug. Im Rathaus drehen sich die Leute oft weg, aber ihre Sätze bleiben da. „Ja? Machma. Wie immer? Nichtöffentlich vorbereiten und dann geheim? Passt. Gehört des auch noch zum Paket? Passt. Sag dem Boss, auf uns ist Verlass. Diesmal keine Panne wie bei der Deneke-Stoll.“ Der Kollege schaut fragend. Der Handy-Mann legt auf und sagt: „Wir sollen vorbereiten, dass die bisherigen Bürgermeisterinnen Altbürgermeisterinnen werden. Und der langjährige SPDler, der frühere Buffetbeauftragte vom Stadtrat, Ehrenbürger.“ Der andere hebt die Augenbrauen. „Kein Problem. Die stehen wie eine Eins. Hast ja beim dritten Bürgermeister gesehen.“ Der andere nickt. „Wenn der Boss die Richtung zeigt, nicken jetzt viele. Sechs Jahre lang.“

Sechs Jahre lang. Des sitzt. Wie a Stempel auf nassem Papier. Erst siehst nix. Dann trocknet’s. Und plötzlich steht’s da. I denk mir: Demokratie is, wenn gewählt wird. Rathausdemokratie is vielleicht, wenn vorher so lang vorbereitet wird, bis die Wahl ausschaut wie die Unterschrift unter einem Lieferschein. Natürlich kann alles anders sein. Vielleicht hab i’s falsch verstanden. Vielleicht ging’s um den Schützenverein. I will nix behaupten. I bin nur da Schoasch. Bei uns am Eingang steht kein Untersuchungsausschuss. Nur a Desinfektionsspender.

Aber fragen darf a Pförtner: Wenn des alles so sauber war, warum riecht’s dann nach Hinterzimmer? Wenn des alles so überzeugend war, warum klingt’s draußen wie Schadensbegrenzung? Und wenn des die nächsten sechs Jahre halten soll, warum reden manche jetzt scho, als müssten sie jeden Morgen die Schrauben nachziehen?

Die zwei treten ihre Zigaretten aus. „Jetzt muss Ruhe rein.“ – „Ja. Die Leute wollen, dass gearbeitet wird.“ Da hätt i fast gefragt: Von wem? Und woran? Aber Pförtnerregel: Wenn oben Ruhe gewünscht wird, mach unten kein Echo.

Später fragt mein Kollege: „Alles ruhig?“ I sag: „Freilich. Draußen war nur mehr Tagesordnung als drinnen.“ – „Und der Bürger?“ – „Der kriegt den Bescheid. Irgendeinen. Hauptsache höher.“

Die Leute draußen sind ned blöd. Die kennen ned jedes Hinterzimmer, aber sie riechen, wenn erst des Paket steht und danach die Begründung kommt. Wenn einer fast zwei Monate lang als Strippenzieher gesehen wird und am Ende selbst dritter Bürgermeister wird, dann klingt des ned nach neuer Kultur. Des klingt nach Puppentheater mit Geschäftsordnung.

Von Moral und Anstand braucht mir nach so was keiner mehr groß erzählen. Hoffentlich is des kein Vorbild für die nächsten sechs Jahre. Sonst brauchen wir im Sitzungssaal weniger Tische und mehr Vorhang. Und hoffentlich schleicht sich so was ned bei uns in der Belegschaft ein.

Und i denk mir: Politikverdrossenheit kommt ned mit Blaulicht. Sie schleicht rein. Durch Sätze wie „sonst hätten wir’s nicht gemacht“. Vertrauen zurückgewinnen? Musst halt erst aufhören, es wie Wechselgeld auszugeben.

Am Nachmittag: normaler Betrieb. Besucher rein. Besucher raus. Einer sucht sein Handy. Einer seine Unterlagen. Einer wahrscheinlich seine Linie, aber des gibt er ned zu. Wenn draußen wieder zwei rauchen, stell i meine Ohren ned ab. Aus kommunalpolitischer Fortbildung.

Also pfiat eich, sagt da Schoasch.

O-T(h)öne – wo Satire keine Warnweste braucht.

Hinweis: Personen, Gespräche, Situationen und Abläufe sind satirisch verfremdet und frei verdichtet. Die geschilderten Raucherdialoge sind eine fiktive Szene der Kunstfigur Schoasch und keine wörtliche Wiedergabe tatsächlicher Gespräche, Telefonate oder nichtöffentlicher Vorgänge. Der Text erhebt keine Tatsachenbehauptung über konkrete Absprachen, Motive oder Handlungen realer Personen, sondern überzeichnet politische Eindrücke, öffentliche Debatten und wahrgenommene Muster rund um Transparenz, Verantwortung, Posten und Vertrauen.

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