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Wiesn-Besuch: Ein Stadtrat im Verteidigungsmodus

In Ingolstadt fehlt das Geld für Vereine, Verbände und Wohlfahrt – auf der Wiesn fehlte es dafür nicht an Bier und Brotzeit. Während die Stadt keinen genehmigungsfähigen Haushalt zustande bringt, stößt die Stadtspitze in München mit Maßkrügen an. Oberbürgermeister Michael Kern (CSU), Bürgermeisterin Dorothea Denke-Stoll (CSU) und mehrere Stadträte folgten der Einladung des ehemaligen OB Christian Scharpf (SPD), heute Münchner Wirtschaftsreferent und Wiesnchef. Dies unter exklusiver Medienbegleitung.

Die Kassen sind leer. Im Bierzelt die Krüge voll. Haushaltsloch in Ingolstadt. Heiterkeit in München.

Erst wenige Tage zuvor war eingeräumt worden, dass Ingolstadt in einer massiven Finanzkrise steckt. Mehrere Konsultationen hatten den Bürgern, Vereinen, Verbänden und der örtlichen Wohlfahrt bereits spürbare Zumutungen auferlegt. Und nun also Bilder aus dem Bierzelt: strahlende Gesichter, volle Krüge, deftige Brotzeit.

„Auf die Steuerzahler … Prost“

„Hat für mich einen faden Beigeschmack“, heißt es in einem Kommentar. Ein anderer bringt es schärfer auf den Punkt: „Auf die Steuerzahler … Prost.“ Wieder andere sprechen von „Wasser predigen und Wein saufen“ – oder in diesem Fall: Bier.

Für viele ist der Zeitpunkt schlicht unpassend. „Sehr unpassend angesichts der Haushalts-Katastrophe. Hauptsache, die können Party machen“, schreibt eine Nutzerin.

Zwischen Empörung und Spott

Doch nicht alle stimmen in den Chor der Entrüstung ein. Ein Kommentator kontert mit Spott: „Sollen Stadträte jetzt auch aufs Essen verzichten? Wer ihnen sogar den Volksfestbesuch verbieten will, erwartet wohl gleich Selbstgeißelung mit Peitsche.“

So schwanken die Reaktionen zwischen Empörung und Ironie.

„Eine Brotzeit und eine Maß“

Und mittendrin meldet sich FDP-Stadtrat Karl Ettinger – mit einer Verteidigungsrede, die klingt wie das Protokoll eines Klassenausflugs. Auf der Facebook-Seite „Dein Ingolstadt“ schrieb er im Wortlaut:

„Liebe Diskutierende,
ich bin der Einladung unseres Alt-OBs gefolgt und bin zusammen mit einigen Stadtratskollegen zum Oktoberfest gefahren.
Es gab ein interessantes Programm mit Besichtigung von Sanitätsbereich, Feuerwehr und Polizei und wir erhielten viele tolle Informationen rund um das Oktoberfest.
Zum Schluss gab es eine Brotzeit und eine Maß.
Ich versuche, an fast jeder Veranstaltung des Stadtrates teilzunehmen, auch an den informellen, wie zum Beispiel Baustellen-Fahrradtour, Klausurfahrten oder Waldbegehungen.
Ich halte die informellen Veranstaltungen für sehr hilfreich, um mit Kolleginnen und Kollegen im geschützten Raum über Ideen und Meinungen zu sprechen. Gerade in der aktuellen Situation mit der Finanz- und Krankenhauskrise finde ich solche Gespräche sehr wichtig.
Auch eine gute Beziehung zu unserem Alt-Oberbürgermeister und jetzigem Wirtschaftsreferenten der Stadt München ist sicher nicht zum Nachteil für Ingolstadt.
Ich hoffe, dass ich meine Beweggründe nachvollziehbar dargelegt habe.
Für Ihre Fragen stehe ich gerne weiter zur Verfügung.
Viele Grüße, Karl Ettinger“

Ettinger legt seine persönlichen Beweggründe zwar offen – doch der Nutzen für den gesamten Stadtrat, für Ingolstadt und erst recht für die Bürgerschaft bleibt im Dunkeln wie ein leerer Stadtsäckel. Wozu genau braucht es die Maß, damit die Haushaltskrise leichter wird? Welche Lücken stopfen Brotzeitbrettl und „geschützter Raum“? Der Mehrwert für die Stadt bleibt jedenfalls so unsichtbar wie ein ausgeglichener Haushalt.

Symbolik mit Sprengkraft

Fest steht: Die Bilder im Netz entfalten ihre Wirkung – unabhängig davon, ob die Wiesn-Brotzeit privat bezahlt wurde oder nicht. Während soziale Einrichtungen, Vereine und Verbände in Ingolstadt um Zuschüsse bangen, zeigt sich die Stadtspitze ausgelassen im Festzelt. Für viele wirkt das wie ein Maßkrug voller Doppelmoral.

Ein Nutzer erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass Alt-OB Christian Lösel (CSU) einst demonstrativ auf eine Feier zu seinem 50. Geburtstag verzichtete.

So bleibt die Wiesn-Politik von Ingolstadt ein Lehrstück: Zwischen Finanzkrise und Festzelt passt eben doch ein Bierdeckel – nur leider nicht zum Haushaltsausgleich.

Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.

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