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Wöhrls Bewerbung – und De Lapuentes Wende vor dem Aufstieg

Franz Wöhrl ist Zweiter Bürgermeister. Vorgeschlagen wurde der CSU-Fraktionschef nicht von der CSU, sondern von SPD-Fraktionschef Christian De Lapuente. Noch am Vortag klang De Lapuente bei Wöhrls Kandidatur deutlich skeptischer. Nächste Woche soll er selbst weiterer Bürgermeister werden.

Die Wahl ist vorbei. Die Choreografie nicht. Franz Wöhrl ist neuer Zweiter Bürgermeister der Stadt Ingolstadt. 27 Stimmen erhielt der CSU-Fraktionsvorsitzende, 20 gingen an Jakob Schäuble von der FDP, vier Stimmen waren ungültig. Eine Mehrheit. Aber keine breite.

Bemerkenswert: Vorgeschlagen wurde Wöhrl nicht von der CSU, der stärksten Fraktion und seiner eigenen politischen Heimat, sondern von Christian De Lapuente – jenem SPD-Fraktionschef, der nach der Vereinbarung von CSU, SPD und GRÜNEN am 13. Mai selbst als ehrenamtlicher weiterer Bürgermeister gewählt werden soll.

Gestern kritisch, heute Vorschlag

Noch am Vortag klang das anders. Die Zeit gab De Lapuente mit deutlicher Skepsis gegenüber Wöhrls Kandidatur wieder. Demnach habe er sich schwergetan, zu erkennen, welche Themen Wöhrl abbilden könne. Zugleich sei eine Zustimmung der SPD zu Wöhrl an ein geteiltes drittes Bürgermeisteramt für Rot und Grün geknüpft worden. Einen Tag später schlug De Lapuente Wöhrl selbst vor. So schnell kann aus Kritik Choreografie werden.

Wöhrl machte diese politische Nähe in seiner Bewerbungsrede selbst sichtbar. Er sagte wörtlich, er stehe heute hier und kandidiere für das Amt des Zweiten Bürgermeisters, „vorgeschlagen durch meinen Freund“. Gemeint war De Lapuente.

Ausgerechnet De Lapuente also. In Stadtratskreisen wurde sein Name in den vergangenen Wochen immer wieder genannt, wenn es um Hintergrundlinien, Mehrheiten und am Ende auch um ein eigenes Bürgermeisteramt ging. Belegt ist das öffentlich nicht. Aber der Vorschlag für Wöhrl macht diese Lesart nicht gerade leiser. Wöhrl heute. De Lapuente nächste Woche. Das Staffelfinale ist also noch nicht vorbei.

Rede mit feinem Zwirn – und viel Wöhrl

Wöhrl trat im feinen Zwirn ans Rednerpult. Die Rede war vorbereitet, aber nicht glatt durchinszeniert. Er sagte selbst, er sei im Vorfeld gebeten worden, „unbedingt“ eine Rede zu halten – und darzulegen, welche Bereiche er als Zweiter Bürgermeister übernehmen wolle.

Er verwies auf seine 18 Jahre im Stadtrat, auf seine Zeit als CSU-Fraktionsvorsitzender und auf die Oberbürgermeister, die er erlebt habe: Lehmann, Lösel, Scharpf und nun Michael Kern. Mit Kern sei er „in sehr enger Freundschaft verbunden“, sagte Wöhrl. Für das Amt sei das eine wichtige Voraussetzung. Auch das ist ein Satz mit Gewicht. Denn der Zweite Bürgermeister ist nicht nur Repräsentant. Er ist Teil der Rathausspitze. Er muss den Oberbürgermeister vertreten, Verwaltung verstehen, politische Linien mittragen und im Zweifel auch unbequem werden können. Nähe kann helfen. Zu viel Nähe kann auch Fragen aufwerfen.

Vertrauen nach sechs Wochen Schleuderkurs

Vertrauen war das Leitwort seiner Rede: Vertrauen untereinander, Vertrauen in die Verwaltung, gemeinsam in eine Richtung ziehen. Nach sechs Wochen politischer Schleuderkurve musste dieses Wort auf die Bühne. Denn der Weg zu dieser Wahl war alles andere als vertrauensbildend. Erst Christopher Hofmann als CSU-Kandidat. Dann keine Mehrheit. Dann Rückzug. Dann Dorothea Deneke-Stoll raus aus CSU und Fraktion, rein in die SPD-Fraktion. Dann Wöhrl. Dann der Deal mit SPD und GRÜNEN. Dann De Lapuente als geplanter weiterer Bürgermeister. Und nun also: Vertrauen.

De Lapuente, schon wieder

De Lapuente tauchte in Wöhrls Rede nicht nur beim Vorschlag auf. Auch später nannte Wöhrl ihn noch einmal – beim Thema Konsolidierung. Wöhrl sprach davon, man dürfe die Stadt nicht „kaputt sparen“ – eine Formulierung, die er seinem Kollegen De Lapuente zuschrieb. Auch das ist politisch nicht ohne Bedeutung. Denn De Lapuente ist damit nicht nur der Mann, der Wöhrl vorgeschlagen hat. Er ist zugleich Teil der Erzählung, mit der Wöhrl seinen künftigen Kurs beschreibt: sparen, aber nicht zerstören; konsolidieren, aber nicht kaputt machen. Damit wird die neue Achse sichtbar. Nicht abstrakt. Sondern im Sitzungssaal.

Und nach dieser Wahl stellt sich zumindest leise eine weitere Frage: Wer hat für die CSU in den vergangenen Wochen eigentlich die entscheidende Linie gesetzt? Die offiziell beauftragte Verhandlungsrunde? Die Fraktion? Oder am Ende jene Achse, die nun sichtbar wird: Oberbürgermeister Michael Kern, De Lapuente, Wöhrl? Belegt ist das nicht. Aber die Choreografie dieses Tages liefert zumindest Stoff für diese Frage.

Der Landwirt und das Umweltreferat

Beim Umweltbereich wurde der Haupterwerbslandwirt sichtbar. Wöhrl verwies auf seine Felder und sagte sinngemäß, so trocken wie in diesem Jahr habe er es noch nicht erlebt. Umwelt und Nachhaltigkeit könne man nicht liegen lassen, nur weil es finanziell schwieriger werde. Auch das passt zur Vereinbarung. Das Umweltreferat soll wieder eingeführt werden. Umweltamt, Nachhaltigkeitsstelle und Forstamt sollen gebündelt werden. Möglichst kostenneutral, wie Oberbürgermeister Kern zuvor erklärt hatte. Kein genehmigter Haushalt. Aber ein neues Referat im Paket. Das ist ein politischer Punkt. Aber auch einer, der erklärt werden muss.

Verwaltung als Schatz – und als Baustelle

Wöhrl lobte die Stadtverwaltung als Schatz. Mit ihr könne sich die Politik wieder in Richtung schwarzer Zahlen bewegen. Zugleich benannte er eine Schwachstelle: die Vernetzung zwischen Ämtern und Referaten. Dort sieht er offenbar eine Aufgabe für sich als Zweiter Bürgermeister.

Das ist einer der konkreteren Punkte seiner Rede. Denn wenn Ingolstadt sparen, umstrukturieren und trotzdem nichts kaputtsparen will, wird genau diese Verwaltung zur Schlüsselfrage. Wer steuert? Wer vernetzt? Wer kontrolliert? Wer setzt Prioritäten? Daran wird sich Wöhrl messen lassen müssen.

Kultur, Bildung, Sport – und das Stadttheater

Wöhrl nannte Kultur, Bildung, Sport und Veranstaltungen als mögliche Bereiche. Für ihn sei das teilweise Neuland, sagte er sinngemäß. Als großes Ziel nannte er die Sanierung des Stadttheaters, die derzeit in weite Ferne gerückt sei. Wenn man spare, sich zusammenreiße und richtig investiere, könne man dieses Ziel wieder erreichen. Auch das ist ein hoher Anspruch. Denn genau hier trifft Wöhrls Rede auf die Realität der Stadt: kein genehmigter Haushalt, Konsolidierungsdruck, steigende Ausgaben, weniger Spielraum. Große Ziele kosten Geld. Schwarze Zahlen auch.

Gewählt, aber nicht getragen

Am Ende bat Wöhrl um Vertrauen. Er bekam 27 Stimmen. Das reicht für das Amt. Aber es ist kein Durchmarsch. 20 Stimmen für seinen Gegenkandidaten Jakob Schäuble (FDP) und vier ungültige Stimmen zeigen, dass Wöhrl einen erheblichen Teil des Stadtrats nicht hinter sich versammeln konnte.

Schon jetzt dürften die Diskussionen beginnen, warum nach dem Deal von CSU, SPD und GRÜNEN keine breitere Mehrheit möglich war. Wer hat den Deal mitgetragen? Wer nicht? Und wie tragfähig ist eine neue Rathausachse, wenn schon die erste Wahl nur knapp gelingt?

Wöhrl ist gewählt. De Lapuente hat ihn vorgeschlagen. Nächste Woche soll De Lapuente selbst gewählt werden. Die Choreografie läuft weiter. Nur jetzt öffentlich.

Transparenzhinweis: Eigene Berichterstattung.

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